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Regensburger Hopfenzupfer – „…ein hartes Leben. Aber schee war’s a.“

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Durch eine Laune der Natur sprechen meinen Eltern und Geschwister Bairisch, ich nicht. Eine Konstellation, die mich – das erklärte „Preißenkind“ der Familie – schon zum Opfer vieler Missverständnisse machte. So dachte ich zum Beispiel lange Zeit, es gäbe einen Urlaubsort namens „Hopfazupfa“. Denn in diesem Hopfazupfa hatte meine Mutter viele ihrer Ferien verbracht …

Bild7Wenn meine Mutter über ihre Kindheit spricht, dann fallen oft die Worte „damals, in der schlechten Zeit“. Diese Wendung wird in meiner Familie mit einer solchen Selbstverständlichkeit benutzt, dass ich ihr als Kind keine besondere Bedeutung beigemessen habe. Die einen wachsen in den Achtzigern auf, die anderen in der schlechten Zeit – so ist das halt.

Tatsächlich begann für meine Mutter die schlechte Zeit 1939 mit ihrer Geburt und endete erst, als sie 1957 als Kindermädchen nach Frankreich ging. Die Jahre dazwischen waren geprägt vom Krieg und seinen Nachwirkungen. Denn bis das Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit in die abgelegene Oberpfalz vorgedrungen war, dauerte es seine Zeit. Und so lange waren die meisten Familien aufs Improvisieren angewiesen.

Zu den Überlebensstrategien der Familie Piehler, deren achtes und jüngstes Kind meine Mutter war, gehörte das Hopfenzupfen. Eltern, Geschwister, Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen – im August machte sich der ganze Klan auf, um bei der Hopfenernte anzuheuern. Für drei Wochen lebten sie dann als billige Hilfsarbeiter auf einem der vielen Höfe in der Holledau: Sie schliefen zusammen mit Dutzenden anderen im Stroh, als Toilette diente der Wald, wer sich duschen wollte, wartete auf Regen.

Bild1So hart die Bedingungen auch waren, die Hopfenzupfer sahen sich während der Ernte dennoch von ihren existenziellen Sorgen befreit. Denn sie wurden drei Wochen lang mit Lebensmitteln versorgt – und nahmen am Ende sogar noch ein paar Mark mit nach Hause. Aus diesem Grund war auch meine Mutter von klein auf mit dabei. In den ersten Jahren noch als Helferin für ihre Mutter; doch bereits 1949 verdiente sie – als Zehnjährige – ihr eigenes Hopfengeld.

Die Arbeit im Hopfengarten folgte einer strengen Hierarchie: Der Hopfenmeister ging mit einer langen Stange durch die Reihen und holte die hochgewachsenen Reben von den Drähten herunter; die Hopfenzupfer saßen über das ganzen Feld verteilt auf Schemeln und lösten Dolde um Dolde – oder, wie meine Mutter sagt, „Drolln um Drolln“ – von den Stängeln ab. Seine Ausbeute sammelte jeder Zupfer in einem großen Korb, der einen „Metzen“, also sechzig Liter fasste. War der Korb voll, ging es an den Feldrand zum Messen. Dabei wurde nicht nur überprüft, wie viel gezupft worden war, sondern auch wie gewissenhaft: lagen zu viele Blätter im Korb, hieß es nacharbeiten.

Bild2Zum Tausch für jeden Metzen erhielten die Arbeiter ein kleines „Hopfenblechl“. Diese Marken trugen das Signet des jeweiligen Bauern und wurden am Ende der Saison mit 50 Pfennig pro Stück ausbezahlt. In einem einzigen, glücklichen Sommer waren es sogar 70 Pfennig – nachdem der Vater meiner Mutter, „der alte Sozi“ wie sie lacht, einen Streik angezettelt und so zwei Tage lang die Ernte komplett lahmgelegt hatte. Der Triumph der Lohnerhöhung währte leider nur kurz: im Jahr darauf mussten sich die Aufwiegler einen Platz bei einem anderen Hopfenbauern suchen.

Seinem niedlichen Namen zum Trotz bedeutete das Hopfenzupfen körperliche Schwerstarbeit: Bis zu 14 Stunden verbrachten die Erntehelfer täglich auf dem Feld. Weder bei Regen noch am Sonntag wurde eine Pause eingelegt. An den stacheligen Hopfenstängeln zerkratze man sich die Arme; das als Spritzmittel eingesetzte Kupfersulfat – oder „Kupfervitriol“, wie es damals hieß –, hinterließ beißende Rückstände auf den Händen. Wer es nicht mehr aushielt, wickelte sich die Finger mit Isolierband ein. Nahmen die Arbeiter ihren Kanten Brot in die Hand, färbte sich dieser vom Spritzmittel schwärzlich-grün ein. „Gegessen haben wir ihn trotzdem“, bemerkt meine Mutter ungerührt.

Bild5Um die fünfzig Mark konnte sich ein Arbeiter, sofern er ausdauernd war, in einer Saison erzupfen. Geld, mit dem sich die Familie meiner Mutter besondere Anschaffungen leisten konnten, kleine Annehmlichkeiten, die nicht unmittelbar überlebenswichtig waren: Schultaschen, Kniestrümpfe und Federbetten für die Kinder, einen neuen Waschtrog oder – ganz mondän – eine elektrische Wäscheschleuder. Während einer Erntesaison in Obermettenbach erfüllte sich meine Mutter einmal einen ganz besonderen Traum: Sie erstand fünf Eier, die sie sich als Geburtstagsessen von der Hopfenbäuerin braten ließ. Ihre Begründung: „Ich wollte einmal im Leben fünf Eier am Stück essen.“

In der Bevölkerung waren die Hopfenzupfer nicht unbedingt wohl gelitten. Das machte sich schon auf den ersten Metern der Anreise bemerkbar: „Hopfenzupfer hinten einsteigen!“, schallte es zur Erntezeit aus den Bahnhofslautsprechern. „Man wollte die normalen Fahrgäste nicht durch unseren Anblick stören“, erinnert sich meine Mutter. „Hopfenzupfen war etwas für arme Leute. Wenn wir mit Sack und Pack von daheim losmarschiert sind, haben uns die Nachbarn schon manchmal schief angeschaut.“ Daran, dass es in Kumpfmühl, dem Regensburger Viertel, in dem sie aufgewachsen war, noch andere Hopfenzupfer gegeben hätte, kann sie sich nicht erinnern. Die meisten, die zum Arbeiten in die Holledau fuhren, hielten dies vor ihren Nachbarn geheim.

Bild6Was in Kumpfmühl als verpönt galt, war im Viertel meines Vaters hingegen ganz normal. Er lebte mit seiner Familie „am Pulverturm“, einer Barackensiedlung auf dem heutigen Galgenberg. Die einfachen Notunterkünfte wurden Ende der zwanziger Jahre für Obdachlose und sozial Schwache errichtet. Bis zu ihrem Abriss in den Sechzigern lebten die kinderreichen Familien dort ohne Strom und fließendes Wasser. Eine Gegend also, in der sich keiner der Illusion hingab, die Nachbarn über die eigene Armut hinweg täuschen zu können. Und aus der man im Sommer geschlossen in die Holledau aufbrach. „Im August war der Pulverturm quasi ausgestorben“, lacht mein Vater.

Dass mein Vater, der sich mit Geschichten aus seiner Kindheit eher zurückhält, genauso wie meine Mutter als Hopfenzupfer gearbeitet hatte, habe ich erst durch die Arbeit an diesem Artikel erfahren. Obwohl sie in Obermettenbach sogar mehrere Jahre auf zwei benachbarten Höfen untergebracht waren, sind sich meine Eltern damals nie begegnet. Das sollte erst viele Jahre später geschehen, und wäre seinen eigenen Artikel wert.

Mit den Heimatfilmklischees der Fünfziger Jahre haben die Erzählungen meiner Eltern wenig zu tun. Und dennoch blickt meine Mutter mit einer Art frohen Wehmut auf ihre Zeit als Hopfenzupferin zurück. „Das war schon ein hartes Leben. Aber schee war’s a.“ Auch heute noch zieht es sie einmal im Jahr, immer zur Erntezeit, in die Holledau. Um den Hopfen zu riechen und sich zu erinnern.

Angelika Krempl

Angelika Krempl

Redakteurin bei Landei Regensburg
Angelika arbeitet als Texterin, träumt aber heimlich davon, sich auf einer Alm in den Alpen niederzulassen. Als verhinderte Hüttenwirtin kocht sie natürlich gerne, am liebsten mit frischem Gemüse vom Regensburger Kornmarkt und einem süffigen Begleitbier dazu. Wenn nicht gerade Winter ist, verbringt Angelika viel Zeit beim Wandern oder auf ihrem Mountainbike. Ob daheim oder in der Fremde ist ihr dabei wurscht – Hauptsache, es geht bergauf. Tipps zu Touren oder Trails sind ihr jederzeit willkommen!
Angelika Krempl
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